Henry James: Das Durchdrehen der Schraube. Eine Geistergeschichte

Eigentlich wollte ich zum Leseherbst in der Kaffeepause „Ich bin Charlotte Simmons“ von Tom Wolfe vorstellen. Durch die ganze Schreiberei bin ich aber leider immer noch ungefähr bei der Hälfte von knapp 1000 Seiten – ich befürchte, ich schaffe es auch nicht mehr, damit rechtzeitig fertig zu werden. Quatsch, ich weiß es.

Deshalb habe ich jetzt als Novemberempfehlung „Das Durchdrehen der Schraube“ (The Turn of the Screw) von Henry James ausgesucht, das ich schon vor etwas längerer Zeit gelesen habe. Es ist ein recht dünnes Buch (187 Seiten), das sich allerdings auf Grund der teilweise sehr verschachtelten Sätze nicht immer leicht liest und zudem dem Sprachstil des 19. Jahrhunderts entspricht. Trotzdem: James ist es mit diesem Werk hervorragend gelungen, eine geisterhafte und, ja, eine wirklich überdrehte, fast hysterische und zugleich unheilvolle Stimmung zu erzeugen und brilliert mit einer außergewöhnlichen Sprachgewandtheit. Wer Abends bei Kerzenschein oder vor dem Kamin gerne eine sehr subtile Gruselgeschichte mit reichlich Interpretationsspielraum lesen möchte, dem lege ich diesen gespenstischen Klassiker ans Herz.

Worum geht’s?

In einem südenglischen Landhaus findet sich bei gemütlichem Kaminfeuer am Weihnachtsabend eine Abendrunde zusammen. Einer der Anwesenden stellt eine Geschichte in Aussicht, die alles bisher Gehörte an Schaurigkeit, Grauen und Entsetzen übertreffen soll. Er trägt die ungeheuerliche Geschichte einer Erzieherin vor, die ihm vor einigen Jahren als Bericht zugespielt wurde: Eine junge Pfarrerstochter wird von einem wohlhabenden, alleinstehenden Gutsbesitzer als Hauslehrerin für die ihm anvertrauten Kinder auf seinem Familienanwesen (Bly) in Essex eingestellt. Der Gutsbesitzer selbst ist der Onkel dieser beiden Kinder – der achtjährigen Flora und des zwei Jahre älteren Miles. Nach dem Tod der Eltern nahm er sich der beiden Waisen an und suchte umgehend eine Gouvernante für sie. Als er sie einstellt, erhält sie die strikte Auflage, dass sie ihn niemals behellige und auch keine Briefe an ihn schreibe – weder Bitten noch Klagen.

Auf Bly angekommen lebt sie sich schnell auf dem Anwesen ein und findet in der Haushälterin Mrs. Grose eine gute Freundin. Zunächst muss sie nur Flora betreuen, da Miles ein Internat besucht. Die Hauslehrerin – ihr Name wird in der ganzen Geschichte nicht erwähnt – und die Kinder pflegen einen liebevollen und freundschaftlichen Umgang miteinander. Beide Kinder sind überaus zauberhafte und sanfte Wesen — die engelhafte Flora ist an Liebreiz kaum zu übertreffen während Miles mit einer außergewöhnlichen Schönheit und besten Manieren aufwartet. Umso mehr irritiert es, dass Miles ganz plötzlich, ohne Angabe nachvollziehbarer Gründe, von seiner Schule verwiesen wird. Während sich die unerfahrene Erzieherin noch Gedanken darüber macht, wie es mit dem Jungen weiter gehen soll, wird sie mit unheimlichen Geschehnissen konfrontiert. An verschiedenen Stellen des Anwesens begegnet ihr mehrmals eine unheimliche Männergestalt, die sie eindringlich anstarrt. Wenige Tage später, während eines Spazierganges am See mit Flora, fällt ihr eine schöne, komplett in Schwarz gekleidete zierliche Frau auf. Flora wendet ihren Blick ab und weigert sich hinzusehen.

Nach Rücksprache mit Mrs. Grose stellt sich heraus, dass es nur Mr. Quint und Mrs. Jessel sein können — doch die beiden sind längst tot. Die Haushälterin erzählt nun die Geschichte von Peter Quint — dem ehemaligen Diener des Gutsherren — und Mrs. Jessel, der ehemaligen Gouvernante der Kinder. Laut Mrs. Grose sollen die beiden einen schlechten Einfluss auf die Kinder ausgeübt haben. Insbesondere Quint soll eine sehr enge und ungesunde Bindung zu Miles gehabt haben. Die Kinderfrau sieht nun ihre Schützlinge in höchster Gefahr. Zusätzlich zu der Bedrohung der angeblichen Geister beunruhigt sie auch das immer merkwürdigere Verhalten der Kinder. Sie muss mit allen Mitteln die Kinder vor der drohenden Gefahr beschützen. In ihrer verzweifelten Lage schreibt sie sogar einen Brief an ihren Gutsherren …

In „Das Durchdrehen der Schraube“ darf man keine fertige Lösung erwarten. Vieles wird gesagt, aber vieles bleibt einfach ungeklärt. Das Ende lässt so viele unterschiedliche Interpretationen zu, die diesem Werk einen ganz besonderen Reiz verleihen. Sieht die Gouvernante wirklich Geister oder sind es nur Illusionen? Ist ihre Sorge begründet, oder steigert sie sich in einen zwanghaften Wahn hinein? Sind die Kinder wirklich engelsgleiche reine Wesen? Was verheimlichen sie aber vor ihrer Kinderfrau? Blut, Gewalt und Monster wird man hier nicht finden. Und auch die Bezeichnung „Geistergeschichte“ sollte nicht überbewertet werden, da dieses Buch im 19. Jahrhundert geschrieben wurde. Das hier ist also kein Horror à la Stephen King — aber eine unter die Haut gehende Geschichte wenn man es versteht, zwischen den Zeilen zu lesen.

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2 Gedanken zu “Henry James: Das Durchdrehen der Schraube. Eine Geistergeschichte

  1. Uuuaaah. Es hat mich ja schon beim Lesen deiner Empfehlung ein wenig gegruselt. „An verschiedenen Stellen des Anwesens begegnet ihr mehrmals eine unheimliche Männergestalt, die sie eindringlich anstarrt.“ Das reicht mir ja schon. *gg* Wenn ich mich bei diesem Buch zu Tode grusele, bist du schuld. 😉

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