1. September

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Am 1. September 1939 wurde mein Opa 5 Jahre alt.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass er mir das immer wieder erzählte, schon als Kind. An seinem Geburtstag begann der Krieg. Und er erzählte mir auch immer wieder, dass er mal als Junge ein Stück Fleisch gegen ein Schälchen Pudding eingetauscht hat. Bei der Erinnerung daran freute er sich fast wie ein Kind, er lachte dann ganz verschmitzt. Mein Opa war für mich wie mein Papa, den ich nicht hatte. Dieser verschwand aus meinem Leben, als ich drei war. Da meine Mama alleinerziehend und voll berufstätig war, wuchs ich zum Großteil bei meinen Großeltern auf. Nach der Schule ging ich zu meinen Großeltern und verbrachte dort den Tag, bis meine Mama Feierabend hatte und mich abholte. Ich hatte zwei Zuhause, zwei Zimmer. Es war nicht immer leicht, meinen Freunden das Warum und Wieso zu erklären. Viele Wochenenden und auch Urlaube verbrachte ich mit meinen Großeltern, die altersmäßig eher meine Eltern hätten sein können. Schließlich waren sie erst 37 und 41 Jahre alt, als ich geboren wurde. Meine Oma sagte immer mit einem leichten Schmunzeln: „Nein, das ist meine Enkelin.“, wenn jemand sie für meine Mutter hielt. Ich hatte eine tolle Kindheit. Vielleicht ein bisschen anders, keine klassische Familienkonstellation. Aber für mich war es Normalität. Mein Opa konnte alles. Alles, was kaputt war, konnte er reparieren. Er lachte immer darüber, wenn ich als Kind zu meinen Freunden sagte: „Gib das meinem Opi, der kann das heile machen, der macht alles heile.“ Er war mein Held. Und er war sehr kreativ und handwerklich begabt. In seinem Keller hatte er sich einen Werkraum eingerichtet, in dem es nichts gab, was es nicht gab. Für mich richtete er eine eigene Werkecke mit eigener Werkbank und Werkzeug ein. Oft gingen wir zusammen in den Keller, um irgendwas zu basteln und zu werkeln. Im Radio lief dabei Schlagermusik. Samstags immer Fußball. Er war ein großer Fan von Borussia Mönchengladbach. An den Wänden hingen Poster seines Lieblings-Vereins. Und Bilder von den Bergen, die liebte er sehr. Und ich liebte diese Zeit. Mein Opa war ein unheimlich lebensfroher Mensch, immer einen frechen Scherz auf den Lippen. Wir haben viel gelacht. Und er war so stolz auf seine Urenkel. Ich musste immer lächeln, wenn er mit ihnen ganz genau so rumalberte, wie mit mir als Kind.

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Nach dem 1. September 2011 wurde alles anders. Sein Herz war schon seit Jahren nicht mehr gesund und er hatte auch schon einige schwere Herzoperationen hinter sich. Wir feierten noch am 1. September 2011 seinen Geburtstag. Alles war normal. Kurze Zeit später stellte der Hausarzt im Rahmen einer Entzündung im Zeh eine MRSA-Infektion fest, bekannt auch als Krankenhausvirus, Krankenhauskeim oder ORSA-Virus. Mich wunderte damals, dass er nicht ins Krankenhaus deswegen musste. Dieser Virus ist schließlich sehr ansteckend und hartnäckig. Er wurde daraufhin medikamentös behandelt – zusätzlich zu den vielen anderen Medikamenten, die er auf Grund seiner unterschiedlichen anderen Erkrankungen noch bekam. Eines Nachts kam er auf die Intensivstation. Er war komplett dehydriert und verwirrt. Nach den Tagen auf der Intensivstation war er nicht mehr wie vorher. Die Verwirrung blieb. Er war schwach und konnte nicht mehr laufen, aß kaum. Die Ärzte sagten, es läge eine Form der Demenz vor. Und dann kam der Moment, als der Arzt sagte: „Maximal noch ein halbes Jahr, eher weniger.“ Im Oktober kam er in die REHA. Immer noch schlimm dement, warf alles durcheinander, erzählte viel aus der Vergangenheit, erkannte die Menschen um sich herum teilweise nicht mehr. Es war sehr schwer, meinen früher immer so starken Opi so schwach zu sehen. Nach der REHA sollte er in ein Pflegeheim. Meine Oma konnte unmöglich die Pflege Zuhause übernehmen. Wie soll eine kleine zierliche Frau mit einer Größe von 1,57 m einen Mann pflegen, der verwirrt ist und im Rollstuhl sitzt? Nach zwei Tagen Pflegeheim Anfang November kam er mit einer Lungenentzündung wieder ins Krankenhaus. Dieser verdammte Krankenhauskeim wütete immer noch in seinem Körper. Sein Herz und sein Immunsystem waren einfach zu sehr geschwächt. Krankenhausbesuche waren ab jetzt nur noch mit kompletter Schutzkleidung möglich.

Am Samstag, den 26. November 2011, besuchte ich ihn wieder. Einen Tag vorher sprach ich mit meiner Oma. Sie schlug vor, ich könne ja vielleicht am Sonntag kommen. Ich weiß nicht warum ich das unbedingt wollte, aber ich sagte: „Nein! Ich möchte viel lieber am Samstag kommen.“ Mit voller Schutzkleidung standen wir an seinem Bett. Ich hielt seine Hand. Streichelte sein Wange, mit Gummihandschuhen. Ich sprach mit ihm. Er reagierte auf nichts. „Der Opi hört dich, ganz bestimmt.“, sagte meine Oma zu mir. Es war bedrückend. Gegen Abend verließen wir das Zimmer. Am nächsten Tag war der 1. Advent. Am nächsten Tag wäre ich zu spät gekommen.

Am 1. September 2013 wäre mein Opa 79 Jahre alt geworden.  Am 1. September 2013 finden wir uns nun zum zweiten Mal ohne ihn an seinem Geburtstag zusammen. Er fehlt.

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9 Gedanken zu “1. September

  1. Hat mich sehr berührt… Die schönen Erinnerungen bleiben. Ich habe auch solche. Mein Opa starb damals im Krankenhaus. Ich war einen Tag vorher noch bei ihm. Er: „Gut, dass Du kommst, Du musst mir unbedingt die Fingernägel machen. “ Am nächsten Tag ist er dann mit frisch gefeilten Nägeln und einem Glas Wasser in der Hand eingeschlafen… Ich vermisse ihn auch immer noch.

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  2. Huhu Süße,
    ich denke heute ganz feste an Dich. Mir geht es mit meinem Vater ganz ähnlich wie Dir. Papa wurde am 27.10.1939 geboren. Er war also genau so alt wie dein Opa. Papa war für mich in meiner Kindheit der Held. Ich habe ihn abgöttisch geliebt. Papa starb im Oktober 2012 nach einem langen Krebsleiden und ich konnte nicht bei ihm sein, weil ich selber im Krankenhaus lag.
    Ich vermisse ihn jeden Tag!

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