Loslassen

Herbst bedeutet Veränderung. Die Natur macht es uns vor und zeigt es uns an den Blättern, die sich erst bunt färben und dann verwelkt von den Bäumen losgelassen werden — damit im Frühling etwas Neues wachsen kann. Aber auch, um sich zu schützen. Bäume lassen ihre Blätter nicht ohne Grund fallen. Es ist ein reiner Selbstschutz, um die kalte Jahreszeit mit wenig Wasser besser zu überstehen. Sie trennen sich einfach nur von dem, was ihnen unnötig Energie entzieht und legen damit eine Ruhepause ein. Würden sie ihre Blätter nicht abwerfen, würden sie verdursten oder erfrieren.

Herbst ist die Zeit des Loslassens. Loslassen beinhaltet auch Abschied nehmen. Abschied nehmen vom Sommer, von der Wärme, von den hellen Tagen. Und von Vergangenem. Das kann schon ein bisschen wehmütig machen. Aber loslassen kann lebenswichtig sein. Nicht nur für Bäume, auch für Menschen. Auch für mich. Zu viel Ballast, der sich über einen langen Zeitraum angesammelt hat, erdrückt. Loslassen befreit.

Am Ende des Sommers wird es Zeit, sich auf die kalten Monate vorzubereiten, auf die dunkleren Tage. Ich denke darüber nach, wie ich mich während meiner Ruhepause schützen und neue Kräfte sammeln kann. Aber ich weiß auch, dass trotz Dunkelheit und Kälte noch ganz viele wunderschöne Herbstsonnentage und blaue Winterhimmel kommen werden, die neue Energie bringen. Und vor allem viel Platz für Neues. So wie jedes neue Blatt im Frühling seinen Platz findet.

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Die 10 grausamsten Schnulzen aller Zeiten – kommentiert von Paul Fauser

Heute freue ich mich sehr, dass ich Paul Fauser für einen Gastbeitrag gewinnen konnte, in dem er die 10 grausamsten Schnulzen, Schmonzetten, und Schmachtfetzen aller Zeiten kommentiert. Viel Spaß beim Lesen 😉


Schöne Anfrage von Miss Brontë: „Schreibst du mir was, über die deiner Meinung nach grausamsten Schnulzen, die den Weg in dein Ohr gefunden haben?“ Ich bin Ende der 60er-Jahre geboren, viele dieser persönlichen Angriffe kommen daher aus den 80ern oder frühen 90ern. Hier fehlen natürlich einige Verbrechen wie dieser unsägliche „Titanic-Song“ oder auch „Love is all around“. Nach der Zusammenstellung war mir erst mal eine Weile übel oder um es mit Cat Stevens zu sagen: Der Morgen hat gebrochen.

Reality – Richard Sanderson

Die Teens küssten zu „Reality“, dem Titelsong aus der französischen Pubertätskomödie „La Boum — Die Fete“, ab 1981 auf jeder erdenklichen Fete. Anfang 1987 war „La Boum“ dann im deutschen Fernsehen zu sehen, und die nächste Generation Teenager küsste sich die Lippen wund. Die Jungs dachten alle an Sophie Marceau, die Mädchen an ihren pickeligen Engtanzpartner gegenüber. Die Küsse waren allerdings meistens feucht.

Bryan Adams – Everything I do

„Du weißt, es ist wahr, alles was ich tue, ich tue es für dich.“ Schleimiger könnte ein deutscher Schlagertext nicht klingen. Geschrieben 1991 für den Film Robin Hood — König der Diebe, sang sich der „harte“ Rocker Adams in die Herzen des melancholischen Mittelstands.

Simply Red – Holding back back the years

Das Liebeslied der 80er-Jahre-Yuppies. Die Männer hassten Simply Red, den Frauen wurden die Knie weich. Hucknall durfte Catherine Zeta Jones und auch Helena Christensen seine Schmachtballade öfters in privater Atmosphäre vorträllern. Sagt einer, die Stimme sei unwichtig.

George Michael – Careless Whisper

Es ist müßig zu diesem Lied etwas zu sagen. Sicher ist nur, dass beide Geschlechter, wenn sie dieses Lied hören, an feuchte Gefühle zurückdenken. Gott hab George Michael selig.

Chris de Burgh – Lady in Red

Das Stück des kleinen Iren klang irgendwie lahm und blechernd. De Burgh will in diesem Lied einfach nur ausdrücken, dass die Dame an seiner Seite ganz besonders ist. Das zu erkennen, geht vielen Männern ab – de Burgh macht allerdings aus einer grauen Maus eine Prinzessin. Chapeau.

F.R. David – Words don’t come easy

So ziemlich die schlimmste Ballade, die in den Sinnen hängengeblieben ist. Bis heute haben Forscher nicht herausgefunden, warum. Sehr weich, irgendwie sehr nichtssagend — aber man bekommt es nicht aus dem Kopf.

Nino de Angelo – Jenseits von Eden

„Wenn selbst ein Kind nicht mehr lacht wie ein Kind, dann sind wir jenseits von Eden.“ Ich war das erste Mal verliebt und ich durfte nix. Eine der größten Sünden meines Lebens, dass ich hier heimlich die Single gekauft habe. Gottseidank war die Tragetasche neutral, wie später bei Beate-Uhse-Shop-Einkäufen.

Whitney Houston – I will always love you

Lass mich dein Bodyguard sein. Zu der Zeit waren die jungen Damen attraktiv, die nicht in diese Schmonzette gerannt sind. Wenn Nick Hornby den Soundtrack bei einer Dame im Regal gefunden hätte, wäre er aus dem Fenster gesprungen. Ansonsten war Whitney schon klasse.

Andrea Berg – Du hast mich tausendmal belogen

Die Erotik und Macht des deutschen Schlagers ist nicht zu unterschätzen. Ich lauschte in einem Café zwei Rentnern. Der eine sagte: „Wenn ich Andrea Berg
im Autoradio höre, muss ich rechts ranfahren.“ Sein Kollege antwortete: „Ich bin froh, dass ich keinen Führerschein mehr habe.“ Ohne Worte.

Roxy Music – Jealous Guy

Geschrieben von einem der größten Musiker aller Zeiten, John Lennon. In der Version von Roxy Music, das Lied für eine Endlosschleife, wenn man lang und ausgiebig ficken will und vorher schon weiß, dass man nach dem Vorspiel einschläft.


Und falls Euch noch weitere gruselige Schmachtfetzen einfallen — gerne her damit 🙂

Wie jede Woche

Bevor er den Pub betrat, warf er einen kurzen Blick auf das Wochenangebot an der Tür. Es gab Muscheln. Muscheln nach irischer Art. Muscheln nach italienischer Art. Muscheln nach französischer Art. Während er eintrat schob er sich die Sonnenbrille ins Haar und steuerte gezielt den staubigen Regenschirmständer an, in dem er seine Angel abstellen konnte. Ohne einen Blick auf die anderen Gäste zu werfen, setzte er sich an die Bar. Der Wirt sah ihn an und griff wortlos zu einem sauberen Glas.

„Es gibt Muscheln.“ Mit diesen Worten stellte er dem Angler ungefragt ein frisch gezapftes Bier hin.

„Muscheln schmecken zu sehr nach Meer.“ Wie aus dem Nichts fiel am Ende seines Satzes eine Fliege in sein Glas.

„Verstehe.“

Während er die Fliege beobachtete, hörte er die Musik, die im Hintergrund lief.

„Was ist das?“, fragte er den Wirt ohne den Blick von seinem unberührten Glas abzuwenden.

„Es ist meine Musik.“

„Es ist ein Irish Pub. Du solltest irische Musik spielen.“

„Ich spiele die Musik, die ich liebe.“

„Warum spielst du sie?“

„Weil sie sich an das erinnern sollen, was ich geliebt habe.“

„Wen meinst du?“

„Ich meine die, die sich erinnern wollen.“

„Verstehe.“ Der Blick des Anglers fiel jetzt auf das Goldfischglas am Ende des Tresens. „Es wird Zeit. Das Hotel wartet. Ich komme wieder.“

Der Wirt nahm die Angel aus dem Regenschirmständer in der Nähe des Fensters. Von hier aus konnte er die Überreste der alten Textilfabrik am Rande des Stadtweihers erkennen. Für einen kurzen Moment stellte er sich vor, wie eine Rauchwolke aus dem Schornstein aufsteigt. Er entfernte das Plakat mit dem Wochenangebot von der Tür. Muscheln nach irischer Art. Muscheln nach italienischer Art. Muscheln nach französischer Art. Muscheln, die zu sehr nach Meer schmecken. Wie jede Woche.

Wie jeden Tag

Während der Rasenmäherjunge pausenlos schwatzend, sein Handy unter seine Ohrenschützer geklemmt, wieder auf den Aufsitzmäher kletterte und durch den Park in Richtung Herrenhaus fuhr, warf ein schwarzgekleideter Mann am Stadtweiher seine Angel aus und wartete. Nach mehreren vergeblichen Versuchen ging er über die Brücke, um jetzt von der anderen Seite im schattigen Schutz einer Hauswand sein Glück zu versuchen. Durch seine dunkle Sonnenbrille konnte er dabei ungestört die beiden verliebten jungen Frauen beobachten, die sich gegenüber lachend und küssend auf einer Bank in den Armen lagen. Außer einer Angel mit Köder hatte er nichts bei sich.

Zwei Straßen weiter klemmten in der Zwischenzeit zwei Hilfspolizisten routiniert einem falsch parkenden Van einen Strafzettel über beachtliche 379 Euro Bußgeld hinter den Scheibenwischer. Als der alte Pförtner des Herrenhauses das Knattern des näher kommenden Rasenmähermotors hörte, wurde es für ihn Zeit die Mülltonne zum großen Tor zu bringen. Pflichtbewusst wie immer schwang er sich schnell auf sein Fahrrad und zog die schwere Tonne über die lange holprige Zufahrt des größten Anwesens der Stadt. Im Stadtpark lagen inzwischen die Hirsche dösig in der warmen Abendsonne, als ein vorbeirasender schwarzer Van sie für einen kurzen Moment aufschrecken ließ.

Die Kirchturmglocken der protestantischen Kirche und der alten Basilika im Zentrum der Stadt läuteten abwechselnd im Einklang. Sie saß wartend hinter dem linken Fenster des Hotels in der Dachgaube und starrte durch die mit Brettern vernagelten Fenster auf den großen Platz. Neben ihr drehten zwei Goldfische auf einem winzigen Tischchen in ihrem Glas ihre Runden. Wie jeden Tag.